Im Aquarium

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Montag, 8. März 2021

Zum Weltfrauentag: Beate Zschäpe

 

Jedes Jahr das gleiche Ritual: Der Vatertag wird von Politik und Medien genutzt, um auf Männer einzudreschen, der Weltfrauentag dagegen, um den Heiligenschein von Frauen zu polieren und deren ewiges Opferlamento zu reproduzieren. Da die von sich selbst besoffenen Journalisten in ihren redaktionellen Filterblasen nicht willens sind, einen realistischen Blick auf die Wirklichkeit zu werfen, habe ich beschlossen, jedes Jahr zum 8. März als Korrektiv ein besonders widerliches Exemplar des weiblichen Geschlechts zu präsentieren samt den Bagatellisierungsversuchen derer, die von ihren reaktionären Geschlechterklischees einfach nicht lassen können.

 

Diesmal liegt der Fokus weniger auf der Täterin als auf den akrobatischen Verrenkungen, die Feministinnen vornehmen, um sich nicht der Wirklichkeit stellen zu müssen.

 

 

Der Fall

 

Beate Zschäpe war Mitglied der terroristischen Vereinigung Nationalsozialistischer Untergrund (NSU) und wurde als Mittäterin der Ermordung von zehn Menschen zu lebenslanger Haft verurteilt (noch nicht rechtskräftig). In den 90er Jahren beteiligte sie sich bereits an Hetzjagden auf linke Jugendliche und der Erpressung vietnamesischer Zigarettenhändler, in einer von ihr angemieteten Garage fand man später Rohrbomben. 2011 setzte sie die konspirative Wohnung der NSU in Brand und nahm dabei den Tod einer bettlägerigen Frau in dem Mehrfamilienhaus in Kauf. Im Übrigen wurden kinderpornografische Dateien auf ihrem Computer gefunden.

 

Wie bei Verbrecherinnen üblich leugnete Zschäpe ihren Teil der Verantwortung an den Morden, schob stattdessen alle Schuld den beteiligten Männern zu und versuchte, sich als unschuldige Frau zu inszenieren, als schwach und abhängig von ihren Mitverschwörern. Was in diesem Fall allerdings nicht funktionierte, nicht zuletzt, weil sie von Gutachter und Zeugen als dominant und kämpferisch beschrieben wurde, als eine, die sich Männern gegenüber überlegen gebe. Zschäpe hatte diesem Gutachter das Gespräch verweigert und stattdessen mit einem ihr genehmen Gutachter gesprochen, der ihr anschließend eine verminderte Schuldfähigkeit aufgrund schwerer Persönlichkeitsstörung bescheinigte.

 

 

Feministische Rezeption der Berichterstattung

 

Wie Ideologie uns blind für das Offensichtliche machen kann, zeigt Charlie Kaufhold, ehemalige Gender-Studentin, deren Abschlussarbeit über die mediale Berichterstattung im Fall Zschäpe als Buch von der Rosa-Luxemburg-Stiftung und dem AStA der Uni Potsdam gefördert wurde.

 

Ihre durchgängig korrekten und mit zahllosen Beispielen untermauerten Beobachtungen, dass nämlich Zschäpe in den Medien entweder verharmlost oder dämonisiert wird, führt sie nicht etwa zu dem naheliegenden Schluss, dass Frauen in unserer Gesellschaft idealisiert werden und deshalb jede Straftat einer Frau entweder entschuldigt oder sie selbst zur großen Ausnahme erklärt werden muss („von der Norm abweichend“, schreibt Kaufhold selbst auf S. 9), damit kein Hauch eines Schattens auf das weibliche Geschlecht fällt. Stattdessen glaubt sie, dies geschähe, um das deutsche Volk von einer Mitschuld an den faschistisch motivierten Taten der NSU und den „rassistischen Strukturen in Deutschland“ (S. 9) zu entlasten, in einem Land also, in dem praktisch jede Woche im Fernsehen Filme über die Schrecken des Nationalsozialismus gezeigt, Milliarden von Steuergeldern für den Kampf gegen Rechts ausgegeben und Filme umso sicherer gefördert oder Bücher mit Preisen überhäuft werden, je mehr sie sich mit der NS-Zeit beschäftigen.

 

In einer Fußnote (S. 12) entschuldigt Frau Kaufhold im Übrigen linken Terrorismus im Gegensatz zu rechtem damit, dass die einen eine „emanzipatorische Position“ vertreten würden und „die Abschaffung jeglicher Herrschaftsverhältnisse“ zum Ziel hätten, während die anderen einer „menschenverachtenden Ideologie“ anhingen. Was in diesem Fall besonders absurd ist, da Zschäpe ursprünglich zur linken Punkszene gehörte, ehe sie ins rechte Lager wechselte.

 

Doch zurück zum Kern des Buches. In ihrem mit stereotypen Floskeln („Dominanzgesellschaft“) durchsetzten Text behauptet Kaufhold: „Durch die bagatellisierenden Feminisierungen (...) können ihre [Zschäpes] Taten als irrelevant dargestellt werden“ (S. 9), dadurch könne sie als Identifikationsfigur für die „Dominanzgesellschaft“ fungieren, der es auf diese Weise möglich werde, Mitschuld an rassistischen Taten abzuwehren. Frau Kaufhold zieht also den weit hergeholten Schluss, dass eine Verbrecherin klischeehaft als unschuldiges Weibchen gezeichnet wird, damit sich die in keiner Beziehung zu ihr stehenden Menschen in Deutschland mit ihr identifizieren können (einschließlich der Männer), der weit näherliegenderen Vermutung vor, dass eine Frau als Weibchen geschildert wird, um Frauen als Ganzes zu entlasten.

 

Zudem fragt sich, wenn es denn dabei um die Abwehr von Mitschuld bei faschistisch motivierten Verbrechen ginge, warum nicht auch die Männer der NSU auf eine Weise geschildert werden, die „ihre Taten als irrelevant“ darstellen. Speziell, damit sich der männliche Teil des Volkes mit ihnen identifizieren könnte. Und warum, wie Kaufhold selbst zugibt, ohne sich offenbar der Brisanz des Gesagten bewusst zu werden, Zschäpe „explizit als Mitläuferin“ und „aus dem Kollektiv der ‚Haupttäter’ ausgeklammert“ (S. 38) dargestellt und „ihre ideologische Überzeugung“ damit „verneint“ wird (S. 40).

 

Auch dass sich die verharmlosende / dämonisierende Berichterstattung über Zschäpe in nichts von der Berichterstattung über Verbrechen von Frauen unterscheidet, deren Taten keinen politischen Hintergrund haben, etwa bei Kindsmorden, bringt weder sie noch jene anderen Feministinnen, auf die sie sich beruft, dazu, über ihre unausgesprochenen Annahmen nachzudenken.

 

Für Menschen, die besessen sind vom Thema Geschlecht, eine bemerkenswerte Blindheit.

 

 

Quellen:

Charlie Kaufhold: In guter Gesellschaft? (Edition Assemblage, Münster 2015)

https://de.wikipedia.org/wiki/Beate_Zsch%C3%A4pe

https://de.wikipedia.org/wiki/NSU-Prozess

 

 

Weitere Artikel zum Weltfrauentag:

Pauline Nyiramasuhuko

Ilse Koch


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Gunnar