Im Aquarium

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Montag, 15. Februar 2016

Weiblich. Weiß. Verwöhnt.

Guten Tag! Schön, dass so viele Damen zu unserer Veranstaltung über die heteronormative Gesellschaft gekommen sind. Wir lernen heute, wie man belastende Gespräche unterbindet und offenen Diskussionen aus dem Weg geht. Außerdem gibt es einen diskriminierungssensiblen Raum, eine Art erweiterten Mutterschoß, in dem grundsätzlich allem zugestimmt wird, was eine von euch sagt. Aber am besten, ihr stellt euch erst mal vor. Vielleicht könnt ihr auch kurz eure Erfahrungen mit cis-Männern andeuten oder was euch in diesem Zusammenhang wichtig ist.


Ja, also, ich bin Studentin und möchte mit Triggerwarnungen geschützt werden: vor Kant und dem „großen Gatsby“, vor rosa Ü-Eiern und Spargelstechern, am besten auch vor Zucchini und Möhren und allem, was sonst noch phallisch aussieht, vor dem Duden, eigenen Meinungen und kritischen Kommentaren. Es könnte mich sonst traumatisieren, mich mit einem Mal in der wirklichen Welt wiederzufinden, versteht ihr?

Ich heiße Jasna und darf in der Süddeutschen darüber jammern, dass mich keiner einstellt. Zum ersten Mal in meinem Leben muss ich mit Widerspruch fertigwerden – könnt ihr euch vorstellen, wie belastend das ist? #Aufschrei!

Ich leide furchtbar unter Hate Speech. Neulich hat mich so ein Maskutroll sogar offen kritisiert, bloß weil ich ihn als Fascho beschimpft und einen Shitstorm gegen ihn ausgelöst habe, das muss man sich mal vorstellen!

Ich heiße Luise und möchte mit „Eure Majestät“ angeredet werden. Wie soll sich eine Prinzessin sonst gemeint fühlen?

Ich bin eine Quotenfrau und ohne Qualifikation als Führungskraft eingestellt worden, wie mir das nun mal zusteht. Zwar habe ich die Firma anschließend gegen die Wand gefahren, aber natürlich sind daran die Männer schuld, weil sie mich haben auflaufen lassen. Keine Ahnung, wo und wann, das ist ja gerade das Perfide, dass man die nie sieht, wenn sie sich gegen einen verschwören.

Also, ich bin keine Quotenfrau, ich wähle lieber einen Beruf, in dem Aufnahmekriterien und Arbeitsbedingungen für uns gegenüber denen für Männer heruntergeschraubt werden.

Ich heiße Antje und erwarte, dass alle Menschen raten, in welcher Stimmung ich mich gerade befinde. Und dass sie mich entsprechend anreden: als er/sie/es, das Lannx oder Sternchen ***. Als Kind haben schließlich auch alle auf meine Launen reagiert.

Ich finde, dass der Zwang, alles belegen und begründen zu müssen, zu einer Benachteiligung von uns Frauen führt und unsere Wahrnehmung entwertet. Ich weiß, dass ich unterdrückt werde, dafür brauche ich doch keine Beweise. Und überhaupt: Warum kann meine Meinung nicht direkt in die Gesetzgebung einfließen, ohne dass weiße Heteromänner ihren Senf dazugeben?

Ich heiße Emma, äh, Alice, und ich finde es gemein, dass mich keiner mehr will, nicht mal die anderen Emmas. Das ist ungerecht. Die haben mich doch sonst jahrzehntelang hofiert.

Ich heiße Annemie und veranstalte in meinem Theater ein „Festival über Privilegien“. Der Männer, natürlich. Zum Beispiel das Privileg, uns versorgen zu müssen. Oder das Privileg, sich von uns verhöhnen, verachten und missbrauchen zu lassen. Natürlich krieche ich dem Staatsfeminismus in den Arsch, aber das tu’ ich gern, schließlich will ich ja auch weiterhin durch die Kulturstiftung des Bundes gefördert werden.

Vielen Dank für eure Offenheit. Ich sehe schon, das wird eine interessante Runde. Nachdem ihr nun alle diese schockierenden Erfahrungen aushalten musstet, die eure Schwestern im Patriarchat gemacht haben, seid ihr sicher so erschöpft wie ich. Lasst uns deshalb eine halbe Stunde Pause machen und in den diskriminierungssensiblen Raum zurückziehen, bis wir genug Kraft gesammelt haben, um den ersten Tagesordnungspunkt durchzustehen: „Warum das Lackieren von Fußnägeln Schwerstarbeit ist.“

(Stühlerücken und langsam ausblenden.)


(Dieser Artikel erschien zuerst am 3.6.2015 im Blog "Nicht-Feminist")

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Gunnar