Im Aquarium

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Donnerstag, 11. Juli 2019

Fakten zur Empathielücke

Ein Beitrag zum heutigen Tag der Geschlechter-Empathielücke.


Es gibt zahlreiche Studien, die belegen, dass sowohl Frauen als auch Männer Frauen positivere Eigenschaften zumessen als Männern (z.B. Eagly / Mladcinic 1994), dass das Leiden von Frauen größere Sorge hervorruft als das Leiden von Männern (S. 137), eher eine Politik unterstützt wird, die Frauen begünstigt, und Frauen parteiischer für das eigene Geschlecht sind.

Bereits 1976 hat eine Studie (Condry) diese Empathielücke nachgewiesen, indem Probanden der Film eines neun Monate alten Babys gezeigt und der einen Hälfte erzählt wurde, es handele sich dabei um einen Jungen, der anderen, es handele sich um ein Mädchen. Das weinende Kind wurde häufiger als „verängstigt“ beschrieben, wenn die Probanden glaubten, es handele sich um ein Mädchen, dem angeblichen Jungen wurde hingegen zumeist „Wut“ unterstellt.

Eine aktuelle Studie aus diesem Jahr (Cappelen, Falch & Tungodden), bei der die Teilnehmer eines Experiments Arbeitssequenzen von Menschen, die angeblich unterschiedlich entlohnt wurden, bewerten und gegebenenfalls die Entlohnung umverteilen sollten, hat gezeigt, dass Menschen, insbesondere Frauen, weitaus eher bereit sind, Entlohnung Richtung Frauen umzuverteilen und zu unterstellen, dass das System ihnen gegenüber irgendwie ungerecht sei, während sie bei Männern davon ausgehen, dass die schlechtere Entlohnung eine Folge ihrer schlechteren Arbeitsleistung ist. Ähnlich eine weitere Studie von 2019 (Reynolds, Howard, Sjastad, Okimoto, Baumeister, Aquino & Kim).

Mit einem Satz: Es besteht eine allgemeine Voreingenommenheit gegenüber Männern, die dazu beiträgt, dass ihnen Mitgefühl verweigert wird. Versuche, mit den Methoden des Straßentheaters zu testen, inwieweit Passanten bereit sind, Menschen zu helfen, die scheinbar von Gewalt bedroht sind, je nachdem, ob es sich bei den Opfern um Frauen oder Männer handelt, bestätigen diese Studien.

Grundsätzlich wird davon ausgegangen, dass Männer an ihren Problemen selbst schuld sind, während der soziale Kontext bei ihnen ausgeblendet wird. Laut einer Studie der Universität Exeter sind darüber hinaus Menschen, die sich als Feministen verstehen, besonders leicht bereit, in einem hypothetischen Dilemma Männer zu opfern.


Warum ist das so?

Es ist sicher nicht falsch anzunehmen, dass eine solche Einstellung ein archaisches Relikt darstellt. In der Steinzeit dürfte es durchaus Sinn gemacht haben, Männer (und Frauen) entsprechend zu konditionieren. Wenn das Überleben des Stammes von seinem Nachwuchs abhängt und schwangere Frauen nun mal nicht so schnell vor dem Säbelzahntiger davonlaufen können, muss die Gesellschaft Männern beibringen, ihr eigenes Leben geringer einzuschätzen als das der Frauen und den Wert eines Mannes danach zu beurteilen, in welchem Maß er bereit ist, sich selbst für ein höheres Ideal zu opfern.

Diese Konditionierung ist bis heute in der militärischen Ausbildung ebenso präsent wie in der populären Kultur, in der Frauen idealisiert, Männer hingegen lächerlich gemacht oder als Bedrohung gezeichnet werden. Gewalt gegen Frauen erscheint als besonders verachtenswertes Verbrechen, Gewalt gegen Männer dient der Unterhaltung. Actionstars sind Helden, weil sie sich für andere – vorzugsweise Frauen – opfern. Die Religion nutzt dieselben Mythen: Der Mann Jesus opfert sich für die Menschheit und wird dadurch zum Vorbild. In der Werbung, in den Nachrichtenmedien, in der Gesellschaft – überall wird dieses Narrativ bedient. Männern muss jegliches Mitgefühl verweigert werden, um sie dazu zu bringen, ihren eigenen Wert gering anzusetzen und sich in Kriegen, unter gesundheitsschädlichen Arbeitsbedingungen oder für die Familie aufzuopfern: „Jede Gesellschaft gründet sich auf den Tod von Männern“ (Oliver Wendell Holmes).

Eine moderne Gesellschaft, die für sich in Anspruch nimmt, uralte Geschlechterstereotype auflösen zu wollen, muss ihren Anspruch auch umsetzen und darf sich nicht nur auf wohlfeile Lippenbekenntnisse beschränken.



Mehr Informationen gibt es auf der Website zum Gender Empathy Gap Day


Weitere Artikel zum Tag der Geschlechter-Empathielücke:
Offener Brief an die UN (deutsch und englisch)

Justice for Men and Boys
Janice Fiamengo
National Coalition for men (haben es ein paar Tage lang oben auf ihrem FB-Account)







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Gunnar