Im Aquarium

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Sonntag, 6. August 2017

Der hundertjährige Geschlechterkrieg, Teil 2

Seit einigen Monaten stecke ich wieder bis zum Hals in Recherchearbeiten zu einem neuen Krimi aus der Weimarer Republik, und wie so oft hat die Durchsicht der damaligen Tageszeitungen interessante geschlechterpolitische Artikel zutage gefördert. Die Vossische Zeitung, offenbar die Süddeutsche der zwanziger Jahre, hat in den Monaten von 1929, die mich derzeit interessieren, weit über zwanzig zumeist lobhudelnde Artikel zu „Frauenfragen“ veröffentlicht. Einige davon werfen ein bezeichnendes Licht auch auf heutige Diskussionen.


Wie originell ist Judith Butler?

Die Butler’sche „Konstruktion der Geschlechter“ ist bereits Thema in einem Leserbrief in der Vossischen Zeitung vom 9.6.1929, Seite 40, dem offenbar eine Debatte zum Thema „Ritterlichkeit“ vorausging. Hier nun behauptet eine Mathematikstudentin, es sei in den Büchern einer Prof. Vaerting gezeigt worden, „dass alle Eigenschaften, die heute dem Manne allein im Gegensatz zur Frau zuerkannt werden, in der Geschichte in gleichem Maße bei der Frau gefunden worden sind. Die Merkmale der Geschlechter, wie sie heute gesehen werden – oft auch als sekundäre Geschlechtsunterschiede bezeichnet –, sind nur ein künstliches Produkt der einseitigen Machtverteilung“, an der die Erziehung einen großen Anteil habe.


Wie fortschrittlich ist die SPD?

Über eine Kundgebung der SPD berichtet die Vossische Zeitung am 20.6.1929 auf Seite 6. Offenbar gibt es ideologische Differenzen zwischen Sozialdemokraten und Gewerkschaften auf der einen Seite und dem „Open Door Council“, das gleiche Rechte für männliche wie weibliche Arbeitnehmer fordert, auf der anderen. Eine Befürworterin des Councils betont die Notwendigkeit verschärfter Arbeiterschutzgesetze ohne eine Sonderstellung der Frau und wird bezeichnenderweise als weltfremde Idealistin dargestellt. Die SPD lehnt die Haltung des Councils explizit ab und hält an speziellen Frauenschutzgesetzen fest. Die Hauptrednerin des Abends begründet dies mit einem Zirkelschluss: In Ländern ohne spezielle Frauenschutzrechte würden Frauen noch mehr ausgenutzt. Warum? Weil Frauen seit Jahrtausenden versklavt würden. Feministische Logik eben. Eine andere Rednerin weist auf die vielen Berufskrankheiten von Frauen hin, als gäbe es dergleichen nicht bei Männern in umfassenderem Ausmaß.


Wie männerfreundlich ist der Feminismus?

Auch die Denkschablone „besonders Frauen“ kennt man schon in der Weimarer Republik. Über einen Teeempfang zu Ehren der Vizepräsidentin des „Ständigen Ausschusses für Minderheiten“ beim „Weltverband der Völkerbund-Ligen“ gibt die Vossische Zeitung am 21.6.1929 auf Seite 6 die Worte einer Rednerin so wieder: „Frauen und Mütter sind ganz besonders von allen Schwierigkeiten betroffen, die das Leben einer kleinen Minderheit in einem fremden Staatskörper mit sich bringt.“ Warum? Weil sie ihre Kinder in einem fremden Geiste erziehen müssen. Während Arbeit und Arbeitssuche in einem fremden Land für Männer bekanntlich ein Klacks ist.

Es folgt wirres Gerede: „Es ist gerade den Frauen vorbehalten, die Minderheitenfrage als eine Frage der Frau, als eine Menschheitsfrage aufzufassen und zu vertreten.“ Was denn nun?

Abschließend geht es darum, inwieweit sich Jugendliche für die Ziele der Frauenbewegung vereinnahmen lassen. Die ablehnenden Ausführungen einer jugendlichen Rednerin, von der Autorin des Artikels, Dr. Margarete Edelheim, als „dogmatischer Vortrag“ bezeichnet, gipfelt in der Aussage, die Jugend wolle nicht den Kampf gegen den Mann, sondern das Arbeiten mit dem Mann. Den darauf folgenden Kommentar von Frau Edelheim darf man sich auf der Zunge zergehen lassen: „Dieser Kernpunkt ihrer Rede zeigt, dass dieser Art Jugend bei allem guten Wollen das wahre Verständnis für die Frauenbewegung immer wieder abgeht. Das, was sie der Frauenbewegung unterschiebt, der Kampf gegen den Mann, ist niemals Endziel oder auch nur Absicht der Frauenbewegung gewesen. Es war nur ein notwendiges Übel, das man mit in den Kauf nehmen musste, weil man mit dem Mann gemeinsam die Ziele zunächst nicht erreichen konnte.“ Und in grandioser Selbstüberschätzung behauptet Frau Edelheim, dass eine freie Jugendbewegung nur entstehen konnte, weil die Frauenbewegung „freierer Weltanschauung Platz geschaffen und Vorurteile aus dem Weg geräumt“ hätte. Muss schön sein, wenn rückständig und fortschrittlich fein säuberlich entlang der Geschlechtergrenze verteilt sind.


Zum 1.Teil des „hundertjährigen Geschlechterkriegs“

Kommentare:

  1. Danke für die Recherche (auch für Teil 1)!

    Sehr spannend, besonders der Vorwurf aus der Jugend, der Feminismus würde gegen Männer kämpfen.

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Vielen Dank für deinen Kommentar. Sobald ich ihn gelesen und geprüft habe, schalte ich ihn frei.

Viele Grüße

Gunnar