Im Aquarium

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Sonntag, 15. März 2020

Misstrauisch sein gegen die Eliten: Günter Eich

Seit meiner Schulzeit schätze ich Günter Eich. Nicht so sehr seine Gedichte und die späteren „Maulwürfe“, obwohl auch dort die eine oder andere Perle zu finden ist, sondern vor allem seine Hörspiele, trotz der Tatsache, dass er sich von den meisten später distanziert hat. Seine Rede zur Verleihung des Georg-Büchner-Preises von 1959, als einzige Büchner-Preisrede nicht wie üblich in der FAZ abgedruckt, hat auch heute nichts von ihrer kritischen Schärfe verloren und kommt einem wie ein Kommentar zur Identitätspolitik und zum Haltungsjournalismus vor:

„Wenn es um Antworten geht, ist die Macht freigebig. Obwohl der Text im Grund immer derselbe ist, so rufen doch leichte Variationen den Eindruck von Vielfalt hervor, von Weltoffenheit und Konzessionen ans Humane. Ist es da nicht bösartig, wenn man es für das Generalprinzip der gelenkten Sprache hält, zum Fragwürdigen keine Frage zuzulassen?“

„Das Verfahren der Macht, sich mit Werten zu maskieren, spekuliert darauf, dass sie mit diesen Werten identifiziert und also selbst für einen Wert gehalten wird. Damit wird alles, was ihr widerstrebt, automatisch zum Negativum.“

Es lohnt sich, Günter Eich wieder zu lesen, den Schriftsteller, der „Sand, nicht das Öl im Getriebe der Welt“ sein wollte (Träume, 1950) und „das Recht auf Opposition“ beanspruchte: „Jeder ist doch heute einverstanden!“ (Die etablierte Schöpfung, 1971).

Und der vielleicht, ja ganz bestimmt sogar zu den zahlreichen staatlichen Maßnahmen gegen sogenannte Hassreden leise hinzugefügt hätte: „Wenn man Messer und Stricke genug hat, ist alles in Harmonie.“ (Ein Nachwort von König Midas, 1968)


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Gunnar