Im Aquarium

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Donnerstag, 22. März 2018

Die heile Welt des Mohamed Amjahid

In der Zeit ist gerade ein anachronistischer Artikel von Mohamed Amjahid über männliche Beschneidung erschienen, der wie aus der Steinzeit zu kommen scheint. Da ich das zweifelhafte Vergnügen hatte, den speziellen Berufsethos von Herrn Amjahid am eigenen Leib zu erfahren, fühle ich mich berufen, zuvor ein paar Worte über seine eigenwillige Interpretation von Qualitätsjournalismus zu verlieren.



Schwarzweiß

Mohamed Amjahid, der von sich behauptet, kein Opfer sein zu wollen, hat eine erstaunliche Karriere als Berufsopfer hinter sich. Im Hanser-Verlag erschien im vergangenen Jahr sein Buch „Unter Weißen: Was es heißt, privilegiert zu sein“, ein Buch, das damit wirbt, dass der Autor „zeigt, dass sich diskriminierendes Verhalten und rassistische Vorurteile keineswegs bloß bei unverbesserlichen Rechten finden, sondern auch bei denen, die sich für aufgeklärt und tolerant halten“. Schauen wir uns doch mal an, in welchem Ausmaß Herr Amjahid hierzulande diskriminiert wurde:

  • 2008 – 2014 Stipendium der Heinrich-Böll-Stiftung, das junge Menschen mit Migrationshintergrund unterstützt und ihm das Studium an der FU Berlin und der Cairo University ermöglicht;
  • Praktika und freie Arbeitsverhältnisse bei der Deutschen Welle, beim WDR/NDR in Washington DC, Kontakte zum RBB und zur taz;
  • Reportagereise 2012 für die Frankfurter Rundschau und die Berliner Zeitung von Vancouver bis Mexiko-Stadt zum Thema US-Präsidentschaftswahlkampf, gefördert durch ein Stipendium der Leisler-Kiep-Stiftung;
  • 2014 Volontariat beim Tagesspiegel, nach dessen Beendigung er umgehend vom Zeit Magazin abgeworben wird, inzwischen ist er politischer Reporter für die Zeit;
  • 2017 Kurator einer Veranstaltungsreihe der Robert-Bosch-Stiftung auf der Leipziger Buchmesse;
  • Zahllose Preise und Auszeichnungen, unter anderem den Alexander-Rhomberg-Preis für Nachwuchsjournalisten und den Medienpreis der bayerischen Landeskirche.

Hält Herr Amjahid das Tempo, in dem er die Karriereleiter hinauffällt, für ein Zeichen von Rassismus? Oder die Tatsache, dass er seine Thesen in einem renommierten Verlag veröffentlichen darf, dass sein Buch begeistert in den Leitmedien besprochen und er selbst dort herumgereicht wird, um Interviews zu geben?


Anspruch und Wirklichkeit

Herr Amjahid, der sich als Feminist versteht, der der Ansicht ist, dass er es „absolut leichter“ hat als Mann, und findet, dass sich keine Frau auch nur „unsicher fühlen darf“;

Herr Amjahid, der empfiehlt, sich „Die kleine Hexe noch einmal anzugucken, es wäre pädagogisch sinnvoll, das in inklusiver Sprache zu formulieren. Die Bibel gibt es auch längst gendergerecht“ und der gleichzeitig keine Diskriminierung darin sieht, seine Gastgeber als Bio-Deutsche zu bezeichnen, denn: „Erst wenn wir hundert Jahre in die Vergangenheit gehen könnten und ich deine Vorfahren ausbeuten könnte, erst dann wäre das diskriminierend“;

Herr Amjahid, der sich gern das Etikett „Qualitätsjournalismus“ anhängt, aber keine Scheu davor hat, in seinen Artikeln mit Lügen und Erfindungen zu operieren, den Menschen, die er interviewt, Dinge in den Mund zu legen, die sie nicht gesagt haben, ihre Aussagen zu verdrehen und ihnen denunzierende Adjektive anzuhängen;

Herr Amjahid, der sich im Interview mit Greenpeace als unerschrockener und angefeindeter Kämpfer für Gerechtigkeit inszeniert: „Hassbotschaften zu bekommen, ist Teil meiner Arbeit“;

dieser Herr Amjahid, der findet: „Ideal wäre, wenn jeder jeden als Individuum begreift, ohne Schubladen zu öffnen“, versucht offenkundig nicht einmal, seinem eigenen Ideal gerecht zu werden.


Check deine Privilegien!

Stattdessen schwärmt er für das Privilegien-Spiel, das geht so: Alle stehen in einer Reihe, Fragen werden gestellt, und wer „Ja“ sagt, darf einen Schritt vortreten. Wer am Ende des Spiels hinten steht, ist Opferchampion. Offenbar kommt Herr Amjahid nicht auf den naheliegenden Gedanken, dass es auf die Fragen ankommt, wie das Spiel ausgeht. Spielen wir doch eine Runde, Herr Amjahid! Sie stehen hier, eine X-beliebige Frau neben ihnen. Auf geht’s:

  • Sind sich Politik und Medien darin einig, alles zu tun, um sie vor jeglichem körperlichen oder seelischen Schaden zu bewahren?
  • Finden Sie ein dichtes Netzwerk speziell auf Ihr Geschlecht ausgerichteter staatlicher Hilfe, wenn Sie in Not geraten oder Gewalt erfahren?
  • Dürfen Sie von einem Menschen des anderen Geschlechts erwarten, dass er die Verantwortung für Ihre Sexualität übernimmt?
  • Können Sie das Leben einer Person des anderen Geschlechts durch eine aus der Luft gegriffene Behauptung, die die Medien sofort unkritisch aufgreifen, zerstören?
  • Ernten Sie allgemeines Mitgefühl, wenn Sie zugeben, Opfer häuslicher Gewalt zu sein? Und glaubt Ihnen die Polizei, dass Sie das Opfer sind, wenn Sie blutüberströmt auf die Wache kommen?
  • Können Sie Ihrem ehemaligen Lebenspartner straflos das Kind wegnehmen, ihm den Umgang verweigern oder Ihr gemeinsames Kind entführen?
  • Angenommen, Sie würden obdachlos werden – gäbe es geschlechtsspezifische Anstrengungen, um Sie von der Straße zu holen?
  • Werden Ihnen via Rentenversicherung zusätzliche Lebensjahre vom anderen Geschlecht finanziert?
  • Dürfen Sie jederzeit und überall das andere Geschlecht verhöhnen, beschimpfen, bedrohen oder mit Hass überziehen, ohne dass sich Politik und Medien deswegen Sorgen machen würden?
  • Dürfen Sie sich risikolos über das Leid einer Person des anderen Geschlechts lustig machen und sich für Ihre Empathielosigkeit auch noch feiern lassen?
  • Interessiert sich die Gesellschaft für Ihre Gefühle?

Nun? Wie viele Schritte sind Sie vorgegangen, Herr Amjahid?


Auch Journalisten dürfen recherchieren

Kommen wir zu seinem neuesten Machwerk. Herr Amjahid setzt sich dafür ein, dass es legal bleibt, kleine Jungs zu verstümmeln. Was sind nun seine Argumente?

  • Ich bin auch beschnitten, und mir geht es gut.
  • Ganz viele Männer tun es.
  • Studien [die besser nicht verlinkt werden] sagen: Alles prima.
  • „Die Liebe religiöser Eltern zu ihren Kindern und klare Gesetze sorgen längst dafür, dass es den Jungen während und nach der Beschneidung gut geht.“
  • Die Beschneidung von Mädchen ist ein ganz anderes Kaliber. Beweis? In religiösen Texten wird diese Praxis nicht gefordert, und Frauenorganisationen kämpfen dagegen. [Übrigens auch jede Menge Männer, aber das lässt Feminist Amjahid lieber unter den Tisch fallen]
  • Beschneidung als rückständig zu beschreiben, tun nur Antisemiten.
  • Eine feministische Islamwissenschaftlerin („von feministischer Erkenntnistheorie geprägt ...“) kommt zu dem Schluss, das Kindeswohl sei nur vorgeschoben und diene der Gleichmacherei.
  • Ein Verbot der Beschneidung schränkt jüdisches Leben ein.

Zusammengefasst: Feministinnen finden, dass männliche Beschneidung okay ist, Herr Amjahid findet das auch, viele machen’s, die Religion gebietet es, und wer das kritisiert, ist ein Nazi und tut nur so, als läge ihm das Kindeswohl am Herzen. Bei so viel geballter journalistischer Kompetenz darf man sich über die steile Karriere des Herrn Amjahid nicht wundern.

Halt, ich habe den dritten Punkt unterschlagen: Zur Unterstützung seiner Thesen nennt Herr Amjahid zwei Studien ohne Verlinkung, eine dritte taucht lediglich als „eine andere repräsentative Studie“ auf, und damit das Ganze nach mehr aussieht, werden „Zahlen der Weltgesundheitsorganisation und diverse Studien“ herangezogen, die aber selbst in den Worten von Herrn Amjahid nichts anderes besagen, als dass weltweit eine Menge Beschneidungen an Jungen und Männern vorgenommen werden, was niemand bestreitet. Über die Auswirkungen hingegen erfahren wir nichts.

Was man allerdings sehr wohl erfahren könnte, wenn man denn recherchieren würde, ist, dass auch scheinbar renommierte Organisationen höchst zweifelhafte Aussagen zur Beschneidung von Jungen und Männern von sich geben. Beispielsweise im Zuge der Beschneidungskampagnen, die von UNICEF, der von Herrn Amjahid erwähnten Weltgesundheitsorganisation und der Gates-Foundation finanziert werden und in Afrika Tod und Leid verursachen, wo Jungen aus der Schule in Beschneidungseinrichtungen entführt und zwangsweise beschnitten werden, damit die Quoten erfüllt werden, die dem Personal Profite bringen. Im Geo 7/2015 werden speziell den WHO-Studien darüber hinaus reihenweise wissenschaftliche Fehler angekreidet: „mangelnde Ausgewogenheit, eine verzerrte Auswahl der Probanden, Ausblendungen wichtiger Details“ etc.

Was man ebenfalls sehr wohl erfahren könnte, wenn man denn recherchieren würde, sind die möglichen Komplikationen dieser barbarischen Praxis: Schmerzen bei der Erektion. Harnverhaltung und Blasenruptur. Nierenversagen. Nachblutungen. Narben. Verengung der Harnröhrenöffnung durch Geschwürbildung. Teilweise Amputation des Gliedes. Durch Streptokokken oder Mischinfektionen ausgelöste nekrotisierende Fasziitis, die u. U. zum vollständigen Absterben der Haut und Unterhaut führt. Lebensgefährliche Infektionen, einschließlich Blutvergiftung und Hirnhautentzündung, Tuberkulose, Wunddiphterie, skrotaler Abszess mit Salmonellen-Infektion, Meningitis.

Was man weiterhin erfahren könnte, wenn man denn recherchieren würde, ist die Tatsache, dass in Südafrika jährlich etwa hundert Jungen infolge von Beschneidungen sterben, die unter primitivsten Bedingungen vorgenommen werden. Und dass allein in den USA die Zahl der Narkoseunfälle bei diesem unnötigen Eingriff an Babys auf mehrere hundert pro Jahr geschätzt wird. Und dass in den USA jährlich bei über tausend Jungen und Männern die Eichel amputiert werden muss, weil es infolge von Komplikationen zum Abfaulen kommt.

Was man schließlich und endlich erfahren könnte, wenn man denn recherchieren würde, ist die Tatsache, dass der muslimische Junge, dessen Fall damals zum Beschneidungsurteil des Landgerichts Köln geführt hat, hier in Deutschland nach seiner Beschneidung mit Nachblutungen in die Notaufnahme kam und in Vollnarkose behandelt werden musste. Nach einem Eingriff, der „nach allen Regeln der ärztlichen Kunst durchgeführt“ worden war.

Wie krank muss man eigentlich sein, um zu behaupten, die etwa zwanzigtausend Nervenenden der männlichen Vorhaut irreparabel zu beschädigen, würde einen Mann nicht in seiner Erlebnisfähigkeit beeinträchtigen?

Wie krank muss man sein, um zu unterschlagen, dass es bei der weiblichen genau wie bei der männlichen Beschneidung unterschiedliche Abstufungen der Grausamkeit gibt? Dass deshalb die Spannweite auch bei Mädchen von der simplen Abtrennung der Vorhaut der Klitoris über die Entfernung der kompletten Klitoris bis zum Zusammennähen der Schamlippen auf eine winzige künstliche Öffnung reicht, was kaum grausamer sein dürfte als das Aufschlitzen der gesamten Penisunterseite von der Peniswurzel bis zur Eichel samt Spaltung der Harnröhre mit Messern, Scherben oder Rasierklingen und die anschließende Bestreuung der Wunde mit heißer Asche, wie es bei den Ureinwohnern Australiens praktiziert wird, oder das Abschälen des Penis fast in voller Länge bei den Dowayos in Kamerun?

Wie krank muss man sein, um Jungen ein simples „Mein Körper gehört mir“ abzusprechen?

Aber warum sollte Herr Amjahid auch seinen Job machen und recherchieren? Warum sollte er sich die frei im Internet zugänglichen Videos antun, in denen neugeborene Jungen um ihr Leben schreien? Warum sollte er sich die Bilder angucken, die drastisch die möglichen Folgen einer solchen Verstümmelung aufzeigen? Warum die Jungen und Männer zur Kenntnis nehmen, die jedes Jahr an dieser barbarischen Praktik sterben oder für ihr Leben gezeichnet sind? Warum sich auch nur mit Betroffenenverbänden unterhalten?

Herr Amjahid hat eins gut verstanden: Wenn einem Moral und Anstand egal sind, wenn man bereit ist, in das herrschende Männer- und Weißen-Bashing einzustimmen, selbst wenn es das Leben kleiner Jungen zerstört, kann man es in Deutschland weit bringen.

 

Kommentare:

  1. Vielen Dank für diesen wertvollen Beitrag. yx

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  2. Freuen wir uns, dass es Leute gibt wie Mohamed Amjahid.
    Schlechter kann man die medizinisch nicht notwendige Beschneidung nicht verteidigen.

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  3. Toller Artikel, Gunnar!

    Einen m.E. wichtigen Punkt jedoch zur Ergänzung: Die religiöse Rechtfertigung so stehen zu lassen führt - global gesehen - auf eine falsche Spur.
    Jahrzehntelang wurden und werden in den USA und auch in Südkorea diese Beschneidungen routinemäßig an Säuglingen vorgenommen.
    Der Bevölkerungsanteil von Muslimen und Juden in den USA würde jedoch die hohe Anzahl an Beschneidungen gar nicht hergeben.
    Es wurde aus vorgeschoben "hygienischen" Gründen beschnitten, faktisch jedoch aus Gründen der Sexualkontrolle > Erschwerung der Masturbation.

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    1. Da hast du recht. Das thematisiere ich auch in der Geschichte "Unberührbar".

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Vielen Dank für deinen Kommentar. Sobald ich ihn gelesen und geprüft habe, schalte ich ihn frei.
Viele Grüße
Gunnar