Im Aquarium

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Samstag, 17. Oktober 2020

Wir empören uns zu Tode

 

Kürzlich habe ich zum dritten Mal Neil Postmans „Wir amüsieren uns zu Tode“ gelesen (eigentlich nur, um herauszufinden, ob ich das Buch aussortieren möchte) und dabei festgestellt, dass es in Zeiten des sogenannten Haltungsjournalismus und der Emotionalisierung und damit Trivialisierung von Debatten aktuell ist wie eh und je.

 

 

Postman hat den Einfluss des Computers unterschätzt (Erscheinungsdatum des Originals war 1985), und er hat auch weder die Möglichkeiten der digitalen Manipulation von Foto und Film vorhersehen können, noch in welchem Maße Medien heutzutage zu Hass aufstacheln (Er glaubte im Gegenteil, das Fernsehen eigne sich nicht dafür). Doch abgesehen davon ist sein Buch geradezu prophetisch angesichts der heutigen Medienlandschaft.

 

Seine Thesen zum Siegeszug des Bildes, der dazu beigetragen hat, „die Sprache als unser wichtigstes Instrument zur Deutung, zum Begreifen und Prüfen der Realität zu ersetzen“ (S. 95), sollen hier nicht im Mittelpunkt stehen, sondern der in meinen Augen wichtigere Aspekt der sekundenschnellen Verfügbarkeit von Informationen auf der ganzen Welt.

 

Wenn Postman vom Fernsehen spricht und davon, dass „eine auf dem Fernsehen beruhende Epistemologie die öffentliche Kommunikation (...) verschmutzt“ (S. 41), dann schließt er dabei übrigens Zeitungen und Zeitschriften mit ein, die sich der Häppchenmentalität des Fernsehens angepasst haben und deshalb dieselbe Wirkung erzielen.

 

Irgendein Intendant (Ich meine, es war der Intendant des ZDF) hat damals nach Erscheinen der deutschen Ausgabe sinngemäß gesagt, wer dieses Buch gut fände, habe als Drehbuchautor fürs Fernsehen nichts verloren. Was beweist, dass er das Buch entweder nicht gelesen oder nicht verstanden hat, denn Postman sagt klar und deutlich: „Gegen das ‚dumme Zeug’, das im Fernsehen gesendet wird, habe ich nichts, es ist das Beste am Fernsehen“ (S. 26), „problematisch am Fernsehen ist nicht, dass es uns unterhaltsame Themen präsentiert, problematisch ist, dass es jedes Thema als Unterhaltung präsentiert“ (S. 110).

 

Postman will sein Buch auch nicht als Generalangriff aufs Fernsehen verstanden wissen, stellt allerdings heraus, dass früher „der öffentliche Diskurs unter der Vorherrschaft der Druckerpresse (...) im allgemeinen kohärent, ernsthaft und rational geführt wurde“ (S. 26), während „in dem Augenblick, da der Buchdruck an die Peripherie unserer Kultur gedrängt wird und das Fernsehen seinen Platz im Zentrum einnimmt, die Ernsthaftigkeit, die Klarheit und vor allem der Wert des öffentlichen Diskurses in Verfall geraten“ (S. 42-43).

 

Das Zeitalter der Aufklärung wäre ohne den Buchdruck undenkbar. Lesen fördert die Rationalität, „wer sich auf das geschriebene Wort einlässt, der macht sich eine Denkweise zueigen, die hohe Ansprüche an die Fähigkeit zu klassifizieren, Schlüsse zu ziehen und logisch zu denken stellt“ (S. 68). „Überall halten zivilisierte Menschen das Verbrennen von Büchern deshalb für einen der schlimmsten Exzesse von Anti-Intellektualismus. Der Telegraph jedoch [mit dem für Postman das Zeitalter der von persönlicher Erfahrung losgelösten Information beginnt] verlangt geradezu, dass wir seine Inhalte verbrennen. (...) Der Telegraph eignet sich nur zur blitzartigen Übermittlung von Botschaften, die sogleich wieder von aktuelleren Botschaften verdrängt werden. Fakten drängen sich ins Bewusstsein und werden von anderen wieder verdrängt, und zwar mit einem Tempo, das eine eingehende Prüfung weder zulässt noch fordert“ (S. 90).

 

Die Möglichkeit, Informationen in Sekundenschnelle um die Welt zu schicken, hat die Art der Nachrichten verändert und dafür gesorgt, dass wir mit Neuigkeiten überhäuft werden, die mit unserem Leben nichts mehr zu tun und daher auch keine Konsequenzen haben, in Postmans Worten: dass damit „der Belanglosigkeit, der Handlungsunfähigkeit und der Zusammenhanglosigkeit Eingang in den Diskurs“ verschafft wurde (S. 85). Er zitiert Terence Moran: „Wo es keine Kontinuität und keinen Kontext gibt, können Bruchteile von Informationen nicht zu einem verständigen und konsistenten Ganzen integriert werden“ (S. 169).

 

Mir ist das selbst klar geworden, als ich beim ersten Golfkrieg und später beim Jugoslawienkrieg rund um die Uhr mit den immer gleichen Informationshäppchen gefüttert wurde, die mir nichts erklärten und mich verständnislos zurückließen. Denn die Stärke der neuen Art des Mediendiskurses besteht darin, „Informationen zu übermitteln, nicht darin, sie zu sammeln, zu erläutern oder zu analysieren“ (S. 90). Erst als ich anfing, Bücher zum Thema zu lesen und Hintergründe zu verstehen, war ich wenigstens ansatzweise in der Lage, das Gesehene einzuordnen.

 

„Der größte Teil der täglichen Nachrichten bleibt wirkungslos, besteht aus Informationen, über die wir reden können, die uns jedoch nicht zu sinnvollem Handeln veranlassen“ (S. 88), und sorgt somit dafür, „der Belanglosigkeit zu Ansehen zu verhelfen und die Ohnmacht zu verstärken“ (S. 89). Wenn sich die Medien also unentwegt an Trump abarbeiten, dessen Politik (abgesehen von seiner Außenpolitik) weitgehend irrelevant für uns ist und auf die wir vor allem nicht den geringsten Einfluss haben, bedeutet das vor allem, dass wir weniger Zeit, Kraft und Aufmerksamkeit auf die Vorgänge richten, an denen wir sehr wohl etwas ändern könnten, weil sie hier und jetzt geschehen und uns unmittelbar angehen. Auf diese Weise kann man hervorragend von Problemen vor der eigenen Tür ablenken.

 

„Das Fernsehen (...) stellt minimale Anforderungen an das Auffassungsvermögen und will vor allem Gefühle wecken und befriedigen“ (S. 109). Die Konsequenz daraus ist eine „Information, die vortäuscht, man wisse etwas, während sie einen in Wirklichkeit vom Wissen weglockt“ (S. 133). So wird die Grundlage für die hysterische Twitter-und-Shitstorm-Unkultur geschaffen: „Nachrichten nahmen die Form von Slogans an, die man voller Erregung aufnehmen soll, um sie unverzüglich wieder zu vergessen“ (S. 90).

 

Auch beim sogenannten Haltungsjournalismus geht es nicht um Fakten und Analysen, um sich auf fundierter Grundlage eine eigene Meinung zu bilden, sondern um das Wecken von Gefühlen, von Empörung und damit von Klickzahlen oder Einschaltquoten. Es ist der Niedergang des politischen Diskurses, der auf diese Weise den wachen, kritischen und mitgestaltenden Bürger verhindert.

 

Der Journalist Claas Relotius war deshalb so erfolgreich mit seinen Lügen, weil er die „richtigen“ Geschichten erzählt hat, Geschichten, die die herrschenden Mythen und politisch erwünschten Klischees bestätigen. Dass die Verantwortlichen in unseren Medien nicht bereit sind, aus dem Fall Relotius zu lernen und ihre Preisgabe der faktenbasierten und möglichst umfassenden Berichterstattung zu hinterfragen, beweist nicht zuletzt die Finanzierung von Elisabeth Wehlings Framing-Gutachten, das empfiehlt, sich auch weiterhin weniger um Tatsachen zu kümmern, sondern sich lieber der emotionalen Struktur von Geschichten zu bedienen, denn „eine werteorientierte Kommunikation“ sei „ebenso wichtig wie die reine Faktenvermittlung“ und Framing daher „das Einbetten von Fakten und Informationen in einen werteorientierten ‚Rahmen’, der eine Haltung verdeutlicht“.

 

Dieser Haltungsjournalismus, der die Interessen und Erwartungen der Elite bedient, sollte besser Erwartungshaltungsjournalismus heißen.

 

 

 

Quelle: Neil Postman: Wir amüsieren uns zu Tode (Fischer Verlag, Frankfurt am Main 1992, übersetzt von Reinhard Kaiser)

 

Kommentare:

  1. Interessant. Im Vergleich zu damals ist es in vieler Hinsicht noch schlimmer geworden, in anderer Hinsicht besser.

    Gleich geblieben ist, daß viele Leute keine anderen Ansprüche haben als billige Unterhaltung, es gab auch schon vor der Fernseh-Ära Groschenromane. Die Postmansche Glorifizierung des Buchs trifft wohl nur auf einen kleinen Teil der Gesellschaft zu, der reich genug ist und Zeit hat, Bücher zu lesen, und der auch intellektuell interessiert ist.

    Wobei damals außer einer kleinen elitäten Minderheit von Journalisten und Politikern niemand aktiv an der breiteren Meinungsbildung teilnehmen konnte. Durch die Digitalisiierung können das inzwischen viel mehr Leute, es schafft aber ganz neue Probleme. Von daher bräuchte man eine komplett neue Analyse. Durch die Zersplitterung der Gesellschaft in immer mehr Milieus ist das aber nicht einfach.

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    1. "Wobei damals außer einer kleinen elitäten Minderheit von Journalisten und Politikern niemand aktiv an der breiteren Meinungsbildung teilnehmen konnte."

      Jein. Postman macht deutlich, dass sich früher auch der Durchschnittsbürger stundenlange Debatten etwa zwischen Abe Lincoln und seinem Konkurrenten anhören bzw. entsprechende Artikel in Zeitungen lesen konnte.

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    2. ... und Postman stört sich, wie gesagt, nicht an Unterhaltung. Gegen Groschenromane hätte er daher nichts einzuwenden. Problematisch ist lediglich, dass Probleme, die uns alle betreffen, und politische Debatten und Entscheidungen, die unser Leben beeinflussen, als Unterhaltung präsentiert, trivialisiert, aus dem Zusammenhang gerissen und dadurch letzten Endes dem Diskurs entzogen werden.

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Vielen Dank für deinen Kommentar. Sobald ich ihn gelesen und geprüft habe, schalte ich ihn frei.
Viele Grüße
Gunnar