Im Aquarium

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Freitag, 7. August 2020

Der "Qualitätsjournalismus" schlägt wieder zu

Vor einigen Monaten kontaktierte mich Sebastian Leber vom Berliner Tagesspiegel mit dem Wunsch, ein Interview mit mir zum Thema Feminismus zu führen. Da ich über einschlägige Erfahrungen mit diesem Blatt verfüge, hatte ich mich nach einigem Nachdenken entschieden, ihm abzusagen. Offenbar zu Recht.


Offener Brief

Sehr geehrter Herr Leber,

wann immer man in den sogenannten „Qualitätsmedien“ einen Beitrag zu Feminismuskritikern findet, kann man sicher sein, dass dort geradezu zwanghaft mit den ewig gleichen langweiligen rhetorischen Mitteln gearbeitet wird, um unangenehme Erkenntnisse abzuwehren: die Kritiker mittels Kontaktschuld oder freier Assoziation in die rechte Ecke rücken („gab der ‚Jungen Freiheit’ Interviews“, „und es ist nicht mal die AfD“), Unterstellungen (Ethische Werte und politische Einstellungen zu „strategischen Entscheidungen“ umdefinieren), beleglosen Fantasien („Incels fordern, der Staat müsse Frauen zu Sex mit Männern verpflichten“), Themenhopping (Testosteron-Gel-Studie beim Thema häusliche Gewalt) etc.

In einem Artikel, der von A bis Z schon allein durch die Wortwahl („krude Gewissheiten“) nur auf Emotionen setzt, ernsthaft zu behaupten, Männerrechtler, die ihre Ansichten seit Jahrzehnten unermüdlich belegen, würden Gefühle als Fakten verkünden, ist schon kühn. Vor allem, wenn man bedenkt, dass Sie wohlweislich keine einzige unserer Aussagen verlinken, sondern ausschließlich andere Tagesspiegel-Artikel (mit der bezeichnenden Ausnahme der Website von Andreas Kemper), also Ihre Leser innerhalb Ihrer Filterblase im Kreis herumschicken. Wir wollen ja schließlich nicht, dass sich jemand eine eigene Meinung bildet, gell?

Männerrechtler – Ich selbst bezeichne mich übrigens nicht so, weil es Männerrechte ebenso wenig gibt wie Frauenrechte. Es gibt nur Menschenrechte, und die gelten per Definition entweder für alle, oder es sind keine. Aber das ist möglicherweise zu differenziert für Sie – Männerrechtler also wollen „Gesetze beeinflussen“, pfui! So etwas Abscheuliches käme Feministinnen wie etwa dem Deutschen Juristinnenbund, der in den letzten 50 Jahren systematisch seine Agenda in der Politik durchgesetzt hat, natürlich gar nicht in den Sinn.

Männerrechtsaktivisten arbeiten bereits in einer Bundestagspartei mit, „und es ist nicht mal die AfD“! Mit anderen Worten: Sie haben keinen Beleg dafür gefunden, dass Männerrechtler in der AfD mitwirken, fanden es aber wichtig, dieses Stichwort irgendwie unterzubringen. Ich nehme an, Sie halten das für seriöse Berichterstattung.

Natürlich darf auch der Verweis auf irgendwelche extremistischen Außenseiterpositionen nicht fehlen, die in der Männerbewegung zwar keine Rolle spielen, aber es macht sich immer gut, so zu tun, als ob. Wo ist eigentlich Ihre Empörung angesichts der Tatsache, dass sich führende Feministinnen nicht nur von vergleichbaren Positionen in ihren eigenen Kreisen nicht distanzieren (#KillAllMen, #MenAreTrash etc.), sondern bis heute zu ihren Vorbildern erklären (Valeria Solanas „Manifest zur Vernichtung der Männer“)?

Aber es geht ja ohnehin nicht um eine unvoreingenommene Auseinandersetzung mit unseren Anliegen, nicht wahr? Wenn sich Herr Enderle Ihrer Meinung nach nicht deutlich genug von problematischen Positionen absetzt, wird das von Ihnen kritisiert, wenn sich Feminismuskritiker hingegen eindeutig positionieren, erklären sie es einfach zu einer „sich seriös gebenden“ Methode und einer „strategischen Entscheidung“. So einfach kann ein Weltbild sein.

Belegt wird das Ganze ausgerechnet durch Aussagen von Wikipedia-Manipulator und Schöpfer von Internet-Prangern Andreas Kemper. Da können Sie auch gleich Claas Relotius das Prinzip des „Qualitätsjournalismus“ erklären lassen.

Ein weiteres Merkmal manipulativer Berichterstattung ist die gezielte Auslassung. Da ist es Ihnen dann wichtig, den Mordversuch an einer Richterin darzustellen, während der tatsächlich verübte Mord an dem Männerrechtler Marc Angelucci geflissentlich unter den Tisch fallen gelassen wird. Besser hätten Sie genau die Doppelmoral und Empathielosigkeit gegenüber Männern, die wir kritisieren, nicht bestätigen können.

Tief blicken lässt auch Ihr Verständnis von Gleichberechtigung, wenn Sie es mit Rückgriff auf Kemper für unerhört zu halten scheinen, dass Männerverbände sich wünschen, dass ihre Anliegen ebenso Gehör finden wie die von Frauen („Im besten Fall auf Augenhöhe und gleichberechtigt mit den Frauenverbänden“).

Meine Lieblingsstelle in Ihrem Artikel ist übrigens beim Thema häusliche Gewalt der Satz „Die Aktivisten kontern mit eigenen Studien“. Klar, die über 500 internationalen Studien, die darlegen, dass Frauen Männern in puncto häuslicher Gewalt in nichts nachstehen, sind irgendwie alle von uns initiiert, bezahlt und durchgeführt worden. Und was sind schon 500 Studien, wenn der Staatsfeminismus etwas anderes behauptet! Ein Journalist, der diese Berufsbezeichnung verdient, hätte sich diese und andere Geschlechterstudien des BMFSFJ mal genauer angesehen und leicht feststellen können, mit welch manipulativen Mitteln die dortigen „Erkenntnisse“ gewonnen werden – aber wozu sich die Mühe machen. Es könnte ja das lieb gewonnene Weltbild durcheinanderbringen.

Wie üblich bei dieser Art „Qualitätsjournalismus“ wird dann am Ende noch mal schnell alles in einen Topf geworfen und kräftig umgerührt: Greta Thunberg stellvertretend für junge Frauen, um gleich das richtige Feindbild zu setzen, Incels, der unvermeidliche Anders Breivik (dessen Aussage, Frauen seien „zu wertvoll, um sie in Gefahr zu bringen“, das Gegenteil von dem beweist, was Sie sich zusammenfantasieren), usw. Offenbar sind Sie ein Freund von Verschwörungstheorien und glauben allen Ernstes, dass sich böse Männerrechtler aufgemacht haben, um im Verein mit Massenmördern Frauen das Fürchten zu lehren.

Ich frage mich bei solchen Artikeln wie dem Ihren immer, wovor Sie und Ihresgleichen so eine erbärmliche Angst haben, dass Sie Himmel und Hölle in Bewegung setzen, um sich nur nicht mit unseren Argumenten auseinandersetzen zu müssen.


Siehe auch:


Kommentare:

  1. Danke. Wenn mehr von Leuten deines Schlages in den Medien schreiben würden, man könnte wieder von "Qualitätsmedien" sprechen, ohne es ironisch zu meiden.

    So, genug mit der Einschleimerei,

    herzliche Grüße

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Vielen Dank für deinen Kommentar. Sobald ich ihn gelesen und geprüft habe, schalte ich ihn frei.
Viele Grüße
Gunnar